Selbstgemachte Pasta

Ein Löffel Spaghetti – Literarische Genussworte

Hin und wieder schreibe ich Geschichten. Literarische Geschichten. Reihe Buchstaben an Buchstaben, Worte an Worte und Sätze an Sätze. Ich schaffe Kurzgeschichten oder vielmehr „Genussworte“.
Ich lade dich jetzt dazu ein, dir Zeit zu nehmen und in die Welt meiner Worte abzutauchen. Eine Geschichte zu lesen, die nur am Rande mit Essen zu tun hat, doch deswegen keineswegs langweilig ist. Und vielleicht, verrätst du mir ja am Ende, ob du mehr davon lesen möchtest.

Ein kleiner Hinweis: Alle Geschichten sind so frei von mir erfunden. Mögliche Ähnlichkeiten mit Personen oder Begebenheiten sind zufällig. Viel Spaß!

 

Ein Löffel Spaghetti

Während wir über unsere Teller gebeugt dasaßen und einander anschwiegen, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Dieses Abendessen war nun unsere dritte Verabredung und doch stellte sich zwischen uns keinerlei Vertrautheit, nein nicht mal eine Bekanntheit ein. Ganz im Gegenteil, bei fast jedem unserer Treffen hatte ich mich seltsam unwohl gefühlt. Ich überlegte, ob es an den Gesprächspausen lag, die er grundsätzlich mit lautem Räuspern oder kaum hörbarem Murmeln zu überbrücken versuchte. Gerade so, als ob er die Stille zwischen uns nicht ertragen könnte. Vermutlich erhoffte er sich damit, den begonnenen Wortwechsel weiterzuführen. Er vergaß jedoch, dass seine leeren Wortphrasen und das elendige Räuspern mehr dazu beitrugen, unsere Unterhaltung Richtung Abgrund zu schieben, als es Schweigen jemals gekonnt hätte.
„Schade eigentlich”, dachte ich mir, denn ich merkte schnell, dass die Wortlosigkeit eine angenehme, fast schon natürliche Ruhe ausstrahlte. Eine Ruhe, die ich mir im Leben wünschte.

Wir hatten uns also, trotz meines beklemmenden Gefühls, ein weiteres Mal verabredet und saßen jetzt beim kleinen Italiener um die Ecke. Die Tische waren mit blau karierten Tischtüchern bedeckt und standen dicht aneinander gerückt. Im Restaurant herrschte lautes, emsiges Treiben. Vor dieser Geräuschkulisse war an ein Gespräch kaum zu denken, viel zu schlecht konnten wir unsere eigenen Worte verstehen. Innerlich atmete ich fast ein wenig auf. Es blieb uns nichts anderes übrig als entweder in die eigene kleine Gedankenwelt abzutauchen oder die Gäste um uns herum zu beobachten.

Am Tisch rechts saß ein älteres Ehepaar. Er war, seiner ganzen Erscheinung nach, angefangen bei den langen, wallenden, weißen Haaren und tiefschwarzen Augenbrauen, bis hin zu seinem Kleidungsstil, entweder Kunstprofessor oder Romanbuchautor. Sie hingegen wirkte unscheinbar, trug kurzes adrett frisiertes, dunkles Haar und war von zierlicher Gestalt. Beide schienen den Abend sichtlich zu genießen und trugen lachend zum Stimmenwirrwarr bei. Sie waren dem roten Hauswein nicht abgeneigt, wie ich bemerkte, als der Kellner eine weitere Karaffe an ihren Tisch stellte.
Zu unserer Linken hatte sich kurz nach unserem Eintreffen eine große Familie mit ihren Freunden versammelt. Die war nun aufgeregt dabei, die Fotos vom vergangenen Urlaub in der Karibik quer über den Tisch zu reichen und voller Stolz zu präsentieren. Mein Blick schweifte weiter und blieb schließlich an meinem schweigenden Gegenüber hängen.
Dass er unattraktiv gewesen wäre, konnte ich ihm nicht unterstellen. Auch nicht, dass er irgendeinen Makel an sich tragen würde. Er war groß, bärtig und schien, soweit mir diese Beurteilung nach unseren drei Treffen überhaupt möglich war, ebenfalls intelligent zu sein. Doch irgendetwas an seiner Art, verhinderte, dass der Funke zwischen uns übersprang.

Während ich ein paar Spaghetti auf meinem Löffel zusammenrollte, vorsichtig drappierte und mit etwas roter Soße Richtung Mund führte, überlegte ich, was es sein konnte, das unserem gemeinsamen Glück im Weg stand. Am Räuspern lag es wohl kaum, redete ich mir ein.

Nach drei Dates, heißt es, weiß man, ob der Partner, genug Interesse in einem geweckt hat, um die kommenden Treffen in eine intimere Richtung zu führen. Mir blieben also nur noch wenige Stunden Zeit, um herauszufinden, ob ich weiteren Verabredungen mit diesem Mann zustimmen sollte. Keinesfalls wollte ich Hoffnung schüren, wo keine war, schon allein aus Fairness. Was nützt es, wenn wir unsere Zeit mit Dates vergeudeten, die zu nichts führten? War es da nicht besser, den Kontakt in freundschaftliche Bahnen zu lenke, oder gar Platz zu machen, für neue Verabredungen?

Während wir nun also über unsere Teller gebeugt dasaßen und einander anschwiegen, wanderte mein Blick ein weiteres Mal an den Nachbartisch zum Kunstprofessor und seiner unscheinbaren, aber interessanten Frau.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wo sich der Funke zwischen meinem Gegenüber und mir verfangen hatte.

Ich blickte neugierig in sein Gesicht und binnen der halben Sekunde, die nun verstrich und in der sich unsere Blicke trafen, erkannte ich zum ersten Mal die unfassbare Faszination, die sich in seinen Augen widerspiegelte. Er war hingerissen von mir. Von all den Abenteuern, die ihm mein ganzes Auftreten wohl versprach und die er sich mit mir erhoffte. Mir wurde fast schwindelig, als ich den extremen Gegensatz dazu begriff.
Denn er selbst, war langweilig.

Er schien gefangen in seinem Alltagstrott, aß aus Gewohnheit immer wieder die selben Gerichte, trank dazu ein und dasselbe Getränk, schaute Filme, die ich ohne Weiteres hätte vorhersagen können und fuhr Jahr um Jahr in den gleichen verschlafenen Badeort auf Mallorca, um dort Urlaub zu machen.

Binnen nur drei Dates war ich zur Exotin geworden. Und das, obwohl ich selbst immer nach dem Exotischen, dem Fremden, Unbekannten und Aufregendem gesucht hatte.
Oh, wäre all diese Erkenntnis doch genug gewesen! Aber nun kam der Stein ins Rollen. Ein weiterer Gedanke schlich sich in meinen Kopf.

So also musste es für all jene Männer gewesen sein, von deren Leben ich begeistert war. Für all diese Menschen, an deren Lippen ich klebte, als sie mir von fernen Reisen, aufregenden Erlebnissen und spannenden Berufen erzählt hatten. Und endlich wurde mir klar, was mir lange verborgen geblieben war. Die Energie, die den Funken der Liebe antreibt lebt schlicht und ergreifend nur von wechselseitiger Begeisterung.

Ich rollte einige Spaghetti auf meinem Löffel zusammen und wusste, dass ich mir den Kopf in den verbleibenden Stunden unseres Abends nicht weiter über den kleinen, unwilligen Funken zerbrechen brauchte. Die Kerze zwischen uns erlosch mit einem leisen Zischen. Einzig eine kleine Rauchschwade erinnerte noch an die Existenz der kleinen Flamme und einen möglichen Funken.

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